Schichtarbeit verträglicher machen

Realistische Erleichterungen gesucht

Schichtarbeit ist eine unverzichtbare Begleiterscheinung industrieller Produktion. Aber sie belastet die Menschen sehr, und zwar, so Mathias Lomb, Fachsekretär für Gute Arbeit und Demografie des Landesbezirks, „vielfach deutlich stärker, als wirtschaftlich unvermeidlich ist“.

IG BCE; Rotation durch Beitrags-Autor

Schichtkalender schräg Schichtkalender der IG BCE

Wer regelmäßig mehrere Tage in Folge in aller Frühe – oft schon vor 6 Uhr morgens – zur Frühschicht antreten muss, dann in die Spätschicht, danach in die Nachtschicht und erst dann in die Freischicht wechselt, strapaziert seinen Körper. Mehr noch gilt das für 12-Stunden-Schichten, die meist mehr Geld und mehr Freizeitausgleich bringen, aber langfristig auch höhere gesundheitliche Schäden.

Zu den kurzfristigen Folgen der Schichtarbeit gehören Kopfschmerz und Schlafstörungen, zu den langfristigen diverse Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie werden dann meist auch noch viel zu spät entdeckt.

Mit der Frage, wie sich Schichtarbeit in der Praxis verträglicher und - auch im Sinne der Beschäftigten - flexibler organisieren lässt, befasst sich jetzt das Projekt „Alterns- und demografiegerechte Schichtarbeit in kollegialer Beratung“. Der Landesbezirk der IG BCE betreibt es gemeinsam mit Arbeitgeberverbänden. Das Geld dafür kommt vom Bundesarbeitsministerium und vom Europäischen Sozialfonds.

Bei einer „Kick-off“-Veranstaltung im September skizzierte die Projektbeauftragte Ute Schlegel vom Qualifizierungsförderwerk Chemie GmbH (QFC), einer Tochtergesellschaft der IG BCE, wie es gelingen soll, praktikable Verbesserungs-Chancen ausfindig zu machen.

Stefan Minderloh

Referentin Silke Mündlein vor Vertetern diverser Firmen Die Beraterin Silke Mündlein (rechts) trägt interessante Ergebnisse einer Befragung zum tatsächlichen Umgang mit Schichtmodellen vor, die das Beratungsunternehmen "ars serendi" unter Betriebsrätinnen und Betriebsräten aus 121 Unternehmen durchgeführt hatte.

Die Tagung mündete in eine konkrete Verabredung. In zunächst drei Unternehmen auf dem Gebiet des Landesbezirks wird unter Federführung von Mathias Lomb zu so genannten „Know-how-Werkstätten“ eingeladen.

Diese ‚Werkstätten‘ sollen sich die Vielzahl der in der Praxis schon vorhandenen Schichtmodelle ansehen und sie prüfen. Modelle, die sich im Interesse der Beschäftigten besser eignen und bewährt haben, sollen dann im weiteren Umfeld bekannt gemacht werden. Mit ihnen können sich so auch die zuständigen Arbeitnehmervertreter und Personalverantwortlichen anderer Betriebe beschäftigen, sie auf ihre praktische Anwendbarkeit vor Ort abgleichen und gegebenenfalls kopieren.

Stefan Munderloh

Zuhörer Kick-off-Tagung Die volle Aufmerksamkeit der Praktiker aus unterschiedlichen Betrieben des Landesbezirks ist dem Thema ‚Schichtarbeit‘gewiss.

Inzwischen stehen Termin und Ort für das erste Werkstatt-Gespräch auch schon fest: Mittwoch, der 7. Dezember ab 9:30 Uhr bei Boehringer Ingelheim Pharma. Damit der Werkstatt-Charakter nicht verloren geht, soll die Zahl der Anmeldungen auf 40 beschränkt bleiben.

Die Teilnehmer der Veranstaltung im September gaben sich allerdings keinen Illusionen hin: Ein Mensch, der sich jahre- oder jahrzehntelang den Mühen der Schichtarbeit ausgesetzt sieht, ist einem stärkeren gesundheitlichen Verschleiß unterworfen als seine Altersgenossen ohne solche Belastungen.

Alle kennen den Grund, aus dem die Industrie trotzdem auf Schichtarbeit angewiesen ist. Die Leistungsfähigkeit, die Wettbewerbsfähigkeit und das Entgeltniveau dieser Industriegesellschaft beruhen darauf, dass Maschinen und Anlagen rund um die Uhr in Betrieb sind und dabei ununterbrochen von Menschen begleitet werden.

Aber gerade daraus ergibt sich auch eine Grundverpflichtung für alle, die in der Industrie Verantwortung tragen. Ihr Kern: Schichtarbeit darf „in keinem Fall ohne zwingenden sachlichen Grund“ so organisiert werden, dass „Belastungen bestehen bleiben, die sich allein schon durch geschicktere Arbeitsorganisation vermeiden ließen“, formuliert es Mathias Lomb.

Daraus folgert er als Ziel der ‚Know-how-Werkstätten: „Wir dürfen keine praktisch realisierbaren Lösungschancen übersehen, welche die Belastungen durch Schichtarbeit vermindern – und sei der einzelne Entlastungsbeitrag noch so geringfügig.“

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