MAINZ Foren statt Monologe: Gute Gespräche zum Thema Arbeit und Leben in Balance

Landesbezirk begrüßt rund 70 Betriebsräte

„Mich hat dieses Format neugierig gemacht“: Ulrike Petry war gespannt, als sie sich zur Betriebsrätetagung „Arbeit und Leben in Balance – Herausforderungen in Betrieb und Gesellschaft“, die der Landesbezirk Rheinland-Pfalz/Saarland am 22. und 23. Oktober im Schloß Waldthausen in Budenheim bei Mainz veranstaltete, anmeldete. „Es gab nicht ein spezielles, fixes Thema, sondern viele Aspekte der täglichen und strategischen Betriebsratsarbeit, über die man sich vor Ort informieren konnte. Das fand ich klasse, es hat sich gelohnt“, lobt Betriebsrätin Petry, die beim Pharmaunternehmen Novo Nordisk arbeitet. Tatsächlich setzte der Landesbezirk an beiden Tagen wenig auf frontal gesteuerte Monologe, sondern lud stattdessen die rund 70 Teilnehmer bewusst zu zehn Foren ein, in denen sich die Arbeitnehmervertreter in einem engen Dialog untereinander austauschen konnten.

IG BCE - Petra Plantenberg

Landesbezirksleiter Roland Strasser Roland Strasser bei der Eröffnung der Tagung

Foren-Themen nah an der Betriebsräte-Arbeit

Inhaltlich ging es hier zum Beispiel um strategische Betriebsratsarbeit, um praktische Lösungen, die der Landesbezirks-Arbeitskreis Arbeitssicherheit und Umweltschutz erarbeitet – aber auch um Weiterbildung und Qualifizierung in der Arbeitswelt 4.0 sowie um Best-Practice-Berichte erfolgreicher Betriebsratsarbeit – wie etwa die Betriebsvereinbarung zur Gestaltung der Lebensarbeitszeit bei Renolit. „Mir war sofort klar, dass ich mich für dieses Forum melde“, sagt Edgar Müller, Betriebsrat bei Wepa. „Genau dieses Thema haben wir derzeit bei uns im Konzern. Als einer der ersten in der Papierindustrie haben wir jüngst das Lebensarbeitszeitkonto eingeführt und sind derzeit noch am optimieren“, so Müller. Da kamen ihm die Ansätze und Ideen seiner Kollegen von Renolit gerade recht. „Auch wenn wir uns in unterschiedlichen Branchen bewegen, unsere Herausforderungen sind gar nicht so weit auseinander. Wenn ebenso die Renolit-Kollegen überlegen, wie sie noch mehr Mitarbeiter für dieses Modell motivieren können, sieht man, dass wir letztlich alle nur mit Wasser kochen.“ Auch für die Langzeitkonten-Thematik interessierte sich Uwe François, Betriebsratsvorsitzender bei Villeroy & Boch Fliesen. „Zum Januar startet der Demografie-Tarifvertrag in der Feinkeramischen Industrie. Ein sinnvoller Verwendungszweck könnten die Langzeitkonten sein. Gut, dass wir hierzu Gestaltungsmöglichkeiten an die Hand bekamen“, sagt François.
In einem weiteren Forum erhielten Arbeitnehmervertreter Wissenswertes zum Thema Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). Aus erster Hand: Axel Hoffmann, Betriebsratsvorsitzender von Abbvie und Dr. Andreas Erb, leitender Betriebsarzt bei Abbvie, stellten ihr hauseigenes BGM vor. Es verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, leitet beispielsweise Maßnahmen aus den zuvor erfolgten Gesundheitsumfragen ab.

Podiumsdiskussion zum Thema Arbeitszeit

Den Dialogen in den einzelnen Foren ging eine Podiumsdiskussion voraus, die sich mit einem derzeit politisch wie betrieblich brisanten Thema beschäftigte: der Arbeitszeit. In Zeiten, in denen die rechtskonservative Regierung Österreichs jüngst den Zwölf-Stunden-Tag einführte und auch die FDP die elfstündige Ruhezeit sowie den Acht-Stunden-Tag in „nicht-sicherheitsrelevanten Bereichen“ abschaffen möchte, verdeutlichte Dr. Angelika Kümmerling von der Universität Duisburg einmal mehr, welche Risiken dies für den betrieblichen Alltag und für die Menschen bedeute. Lothar Schuster, Referatsleiter im Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie Rheinland-Pfalz, bestätigte dies und wies darauf hin, dass man exakt diese Erkenntnisse in die Landesregierung einbringe. Doch Arbeitszeit ist bei weitem nicht nur ein Thema für die Politik: Roland Strasser, Leiter des IG-BCE-Landesbezirks Rheinland-Pfalz/Saarland, blickte auf die jüngste Chemie-Tarifrunde zurück und darauf, wie viel Gesprächsbedarf es bei der Forderung nach mehr Arbeitszeitsouveranität für die Beschäftigten gab: „Die Arbeitgeber interpretieren dies vor allem als Flexibilität bis hin zur Arbeit auf Abruf. Wir hingegen wollen uns auf den Weg machen, den Beschäftigten eine lebensphasenorientierte Arbeitszeit zu ermöglichen“, sagte Strasser und stellte klar: „Zur nächsten Tarifrunde wird es da sehr konkret.“

Klare Erwartungshaltung an die Politik
Politisch positionierte sich Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE: „Wir müssen uns auch in den kommenden Jahren stark dafür machen, dass betriebliche Mitbestimmung weiterentwickelt wird. Eine Arbeitswelt 4.0 kann man nicht mit einer Betriebsverfassung 2.0 gestalten. Hier muss die Politik handeln. Außerdem ist uns wichtig, dass Betriebsräte und Betriebsrätinnen die Anerkennung bekommen, die sie verdienen. Das wird nicht von selbst passieren. Wir müssen die Menschen im Betrieb und die Politik davon überzeugen. Keine leichte Aufgabe, aber machbar. Wir sind die Garanten für Gute Arbeit.“

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